Jiu-Jitsu an der Preußler-Grundschule: Ein Großmeister macht Kinder stark
Der „liebe Opa“ kann auch streng. Und das ist auch gut so. Zwischen verbalem Zuckerbrot und Peitsche toben und lachen Sechsjährige, weil ihnen ein 80-Jähriger Beine macht. Dieter Mäß ist Großmeister im Jiu-Jitsu, Träger des 9. Dan - und jeden Freitag ehrenamtlich auf der Matte an der Otfried-Preußler-Schule (OPS).
Es ist ein Win-win-Vormittag für Kinder, Senior und Schule. „Die Kinder lieben Dieter wie Bolle“, sagt Schulleiter René Wittinghofer, selbst amtierender Deutscher Senioren-Meister im Bodenkampf und Dieters Zögling. „Er findet immer die richtige Ansprache – ob bei Kindern oder bei Erwachsenen.“
Mäß‘ Stimme füllt den Sportraum im ersten Stock: „Haltung! Hände auf den Schoß! Kopf gerade!“ Man ist selbst als Beobachter geneigt diesen Aufforderungen umgehend Folge zu leisten. Tanzt mal ein Kind aus der Reihe, fängt es sich zwar zackig eine Ermahnung ein. Aber keiner wagt es, die Grenze von drei Ermahnungen zu überschreiten und einen Ausschluss vom Training zu riskieren. „Dafür sind sie viel zu gerne hier“, beobachtet der Großmeister und scherzt: „Vielleicht habe ich ja Zucker an mir…“
Wittinghofer und seine inzwischen vier Schwarzgurtträger, die im schuleigenen Verein Bonsaido die japanische Kampfkunst lehren, wissen: Kein Kind möchte die freitägliche Jiu-Jitsu-Einheit missen. Denn neben klaren Ansagen gibt es reichlich Lob und Scherze. Dieter hat immer einen Witz auf den Lippen. Und die Kids leben ihren Bewegungsdrang hör- und sichtbar gerne aus. „Ich richte mich nach der Motivation der Kinder“, sagt Dieter Mäß, der Jiu-Jitsu vor allem an der von ihm aufgebauten Bushido-Schule in Mülheim praktiziert. Vor 15 Jahren folgte er dem Ruf seines Schülers Wittinghofer gefolgt ist, um Duisburger Kindern die Grundlagen des Jiu-Jitsu zu vermitteln.
Auf der Matte sind alle gleich
Dabei geht es den beiden in erster Linie um eins: Lebenshilfe. „Erziehung ist nicht meine Aufgabe. Auf der Matte sind für mich alle gleich“, sagt Dieter Mäß, „aber es ist meine Überzeugung, mein Lebensmotto, die Kinder so vorzubereiten, dass sie im Leben zurechtkommen.“ Motorik, Respekt, Kameradschaft, Höflichkeit, Disziplin – diese Werte und Eigenschaften sollen die Kinder an der Preußler-Schule genauso mitnehmen wie das kleine Einmaleins und das ABC. „Jiu-Jitsu ist für die Kinder ein Mehrwert“, betont Schulleiter Wittinghofer. „Wir vermitteln spielerisch inhalts- und prozessbezogene Kompetenzen.“ Atemtechniken helfen in stressigen Prüfungssituationen und der respektvolle Umgang bewährt sich auch auf dem Pausenhof.
Jiu-Jitsu ist für die Kinder ein Mehrwert.
(Schulleiter René Wittinghofer)
Sportlich geht es weniger ums Kämpfen als um Ausdauer, Schnelligkeit und Körperwahrnehmung. „Raufen und ringen nur auf der Matte und nicht auf dem Schulhof“, lautet das Credo. Dieter Mäß erklärt: „Hier kriegt niemand beigebracht, wie man einen umhaut, sondern wie man präventiv Situationen löst oder vermeidet. Die Techniken, die wir zeigen, haben draußen nichts zu suchen.“
Techniken, die sogar im Lehrerzimmer Thema sind. Wittinghofer unterrichtet dienstagnachmittags interessierte Kolleginnen und Kollegen. „Bald haben wir schon fünf Gurtträgerinnen“, berichtet er nicht ohne Stolz.
Jede Übung zieht Dieter Mäß bis zum Ende durch
Zurück in die Sporthalle. Seine 80 Jahre merkt man Dieter Mäß nicht an. Jede Übung führt er im schwarzen Gi – dem traditionellen Trainingsanzug - nicht nur vor, sondern zieht sie eisern bis zum Ende durch. „Eigentlich kann er auch über Wasser gehen“, scherzt René Wittinghofer am Mattenrand. Schon ruft wieder ein „Aufstellen“ die wimmelnde Kinderhorde der Klasse 1a zur Ordnung auf. Ohne sich ordentlich aufzustellen und zu verbeugen, verlässt niemand Dieters Unterricht. Vor der Tür entledigen sich derweil schon die nächsten Jungen und Mädchen ihrer Schuhe und warten auf Einlass.
„Es ist jedes Mal wieder toll zu sehen, wie selbst schüchterne und introvertierte Kinder aufblühen“, findet René Wittinghofer. Das besondere Sportprofil der Otfried-Preußler-Schule hat sich längst bis nach Düsseldorf herumgesprochen. Erst jüngst wurde der Schule das Siegel „NRW-Sportgrundschule“ verliehen – als einer von bislang nur 14 Grundschulstandorten im Land. Wittinghofer blickt gerne auf die Verleihung zurück, aber vor allem nach vorne. 2028 werden die Deutschen Meisterschaften im Jiu-Jitsu im benachbarten Mülheim ausgetragen. Die Preußler-Kinder wollen in der Teamwertung antreten. „Wir proben schon fleißig mit Zweitklässlern an einer Choreo.“



