Zeitreise im Stadtraum: „Mercators Nachbarn“ machen Geschichte lebendig
Hier wird Duisburgs Geschichte lebendig: „Mercators Nachbarn“ bringen die Vergangenheit mitten in die Gegenwart – kreativ, nahbar und ausgezeichnet...
Sie tragen teils Gewänder aus dem 16. Jahrhundert, sprechen mitunter wie Gelehrte der Renaissance – und stehen doch mitten im Duisburg des 21. Jahrhunderts. „Mercators Nachbarn“ sind eine bürgerschaftliche Initiative, die Geschichte nicht konserviert, sondern inszeniert. Für ihr Engagement wurden sie im Dezember 2025 mit dem Heimatpreis der Stadt Duisburg ausgezeichnet.
Autodidaktische Profis
„Das ist eine ganz, ganz tolle Auszeichnung, eine Wertschätzung dafür, dass unsere Arbeit gesehen wird“, freut sich Ferdinand Leuxner. Er ist einer von rund 30 „Nachbarn“ der wohl berühmtesten Duisburger Persönlichkeit: dem Kartografen Gerhard Mercator (1512-1594).
Gegründet wurde die Gruppe 2012, im Mercator-Jubiläumsjahr. Was als einmaliges Theaterprojekt begann, entwickelte sich rasch zu einem festen Bestandteil der Duisburger Erinnerungskultur. Historiker Leuxner arbeitet an der Uni Würzburg, ist selbst seit fünf Jahren im Mercator-Team und erklärt: „Jeder von uns hat sein Spezialgebiet. Die meisten sind Autodidakten, die sich über die Jahre professionalisiert haben.“ Und das wird wahrgenommen – auch über Duisburg hinaus.
Eva Himmighofen reiste eigens aus Koblenz an, um an einem März-Samstag an der knapp zweistündige Innenhafen-Führung „Von der Land-Art zur Street-Art - Kunstwerke entlang des Innenhafens“ teilzunehmen: „Ich bin begeistert von der Führung und positiv überrascht von Duisburg und den Menschen hier allgemein – alle sind total nett.“
Leuxner und sein Kollege Markus Schneider-Bachmann erläutern die industrielle Vergangenheit des Innenhafens als Brotkorb des Ruhrgebiets mit den bewussten Anspielungen im „Garten der Erinnerung“. Er spannt den Bogen zu den vielen Mühlen und Kunstobjekte im weiteren Hafenverlauf, wo die Land-Art schließlich in Street-Art mit Sticker- und Graffitikunst unter der A59-Brücke übergeht.
Die Angebote von „Mercators Nachbarn“ sind grundsätzlich kostenfrei, umfassen Outdoor-Führungen, szenische Lesungen und geschichtliche Vorträge. Lediglich ein Spendenhut wird am Ende herumgereicht. „Wir haben ein sehr breit gefächertes Angebot an Inhalten, die das Umfeld von Gerhard Mercator beleuchten“, sagt Ferdinand Leuxner. „Inzwischen auch im ganzen Stadtgebiet an Originalschauplätzen.“
Aus dem Archiv auf die Straße
Eine Mixtur aus Theater, Wissenschaft und Stadtspaziergang. Geschichte soll bei „Mercators Nachbarn“ nicht belehrend vermittelt, sondern niederschwellig erlebbar gemacht werden. Dass diese Art der Geschichtsvermittlung funktioniert, liegt auch am guten Netzwerk der Gruppe, die auch Teil der Mercator-Gesellschaft ist. „Mercators Nachbarn“ arbeiten eng mit dem Stadtarchiv und dem Kultur- und Stadthistorischen Museum zusammen.
„Mercators Nachbarn“ holen Geschichte aus Archiven und Vitrinen heraus und bringen sie in den Stadtraum. Sie laden Interessierte ein, ihr Lebensumfeld mit anderen Augen zu sehen und den Heimatbegriff, um weitere Aspekte zu erweitern. „Neue Blickwinkel auf Altbewährtes“ nennt Leuxner diesen Perspektivwechsel. Die Resonanz zeigt, dass die Bereitschaft für Gedankengänge auf Grundlage historischer Erkenntnisse groß ist.





