Weltfrauentag 2026: Frauen, die Duisburg veränderten

Vom Kampf für Bildung und politische Teilhabe bis zur Einrichtung der ersten Gleichstellungsstelle: Frauen wie Hedwig Averdunk, Mischi Bertling und Doris Freer haben Duisburg nachhaltig geprägt.

Hedwig Averdunk in den 1920er Jahren

Als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, gab Hedwig Averdunk ihren Lehrerinnenberuf auf. Nicht etwa, weil sie ihn aufgeben musste: „Sie war nicht bereit, ihre Schülerinnen im Sinn der NS-Ideologie zu erziehen“, erklärt Doris Freer. Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete Averdunk ein Übersetzungsbüro und unterstützte in dieser Funktion die Stadt bei wichtigen Verhandlungen mit den Besatzungsmächten. Sie kämpfte an vielen Fronten: Frauenbewegung, Bildung, Kommunalpolitik, Wiederaufbau – ihr Wirken prägte Duisburg auf vielen Ebenen.

Das weiß kaum jemand so gut wie Doris Freer. Sie war von 1985 bis 2017 die erste Frauenbeauftragte der Stadt, Leiterin der damals neu eingerichteten Gleichstellungsstelle, später Chefin des Referats für Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Sie hat in Landesgremien gesessen und für frauenrelevante Belange gekämpft – das tut sie noch heute. „Frauenfragen sind keine Nischenthemen, sie betreffen alle Bereiche.“

Eine kluge, meinungsstarke Frau.

Und man merkt es ihr sofort an: Über die historischen Wurzeln der Gleichstellung in Duisburg zu sprechen, das liegt ihr am Herzen. Hedwig Averdunk zum Beispiel ist tief verästelt in diesem Wurzelgeflecht. Geboren wurde sie 1880 als Tochter des bekannten Duisburger Historikers Heinrich Averdunk. Eine kluge, meinungsstarke Frau. Um 1900 durften Frauen weder wählen noch studieren. „Man muss sich das klar machen“, sagt Doris Freer. „Sie hatten praktisch keine politische Stimme.“ 

Historischer Zeitungsausschnitt zum Thema Frauenwahlrecht

Hedwig Averdunk ließ sich davon nicht kleinhalten. Sie machte eine Lehrerinnenausbildung – zu einer Zeit, in der Frauen in Preußen offiziell erst ab 1908 studieren durften. Sie trat einem deutschlandweit bekannten Lehrerinnenverband bei, der sich offensiv für Frauenrechte einsetzte. Und sie brachte diesen Kampf nach Duisburg.

Als 1919 endlich das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, wollte sie mitgestalten. Sie kandidierte für die Deutsche Volkspartei für den Rat der Stadt. Doch die Partei setzte sie auf Listenplatz neun. „Das war ein Schlag ins Gesicht“, erzählt Doris Freer. Im Wahlkampf war noch mit der Frauenpolitik geworben worden – am Ende zog 1919 keine Frau für diese Partei in den Rat ein. Aber Hedwig Averdunk gab nicht auf, kandidierte 1924 erneut für die Stadtverordnetenversammlung, der sie – als einzige Frau unter den Mandatsträgern der DVP – bis 1930 angehörte. Ihre Arbeitsschwerpunkte lagen hier in den Bereichen Frauen-/Mädchen-, Jugend- und Gesundheitspolitik.

Im Ruhrgebiet hieß es damals oft: Meine Frau geht nicht arbeiten.

Wilhelmine „Mischi“ Bertling in den 1980er Jahren

In die Riege „Starke und einflussreiche Frauen aus Duisburg“ gehört auch Wilhelmine „Mischi“ Bertling, geboren 1925. „Im Ruhrgebiet hieß es damals oft: Meine Frau geht nicht arbeiten“, erzählt Freer. Erwerbstätige Ehefrauen waren verpönt. Mischi Bertling kümmerte das wenig. Sie war ausgebildete Buchhalterin, gut qualifiziert, und übernahm von 1967 bis 1994 Verantwortung als Ratsfrau. 

1973 gründete sie die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF) in Duisburg. Sie knüpfte damit an die sozialistische Frauenbewegung des frühen 20. Jahrhunderts an. Besonders am Herzen lagen ihr soziale Fragen. „Sie hat Frauen als Verbraucherinnen ernst genommen“, sagt Doris Freer. Mischi Bertling rief zu Boykotten auf, wenn Firmen unfair handelten, und initiierte eine Beratungsstelle – ein Vorläufer der heutigen Verbraucherberatung. In Duisburg nannte man sie bald die „Mutter der Beratungsstelle“. 

Auch die frühe Einrichtung einer kommunalen Gleichstellungsstelle im Oktober 1985 in Duisburg geht auf ihren Einsatz zurück. Die Stadt gehörte damit zu den ersten in NRW – ein Signal mit Strahlkraft. 

Die im Laufe der Geschichte erzielten Frauenrechte sind nie selbstverständlich.

Doris Freer reiht sich da nahtlos ein. Aufgewachsen ist sie in den 1950er-Jahren in Hervest-Dorsten, einem Arbeiter-Vorort. Der Vater Lehrer, das Umfeld bodenständig. Am Neusprachlichen Mädchengymnasium St. Ursula trifft sie auf eine andere Welt. „Das war für mich eine Welt der Literatur, der Fremdsprachen und der Kunst“, erinnert sie sich. „Ich musste da erstmal meinen Platz finden.“ 

An der Universität kam der Wendepunkt. In einer Brecht-Vorlesung hielt sie einen Vortrag – und bekam danach eine Stelle als studentische Hilfskraft im Germanistischen Institut an der Ruhr-Universtät Bochum, wo sie bereits zuvor in der soeben gegründeten „Bibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung“ stundenweise gearbeitet hatte. Von da an blieb sie der Frauengeschichte treu, arbeitete wissenschaftlich und engagierte sich im Arbeitskreis „Wissenschaftlerinnen NRW“. Als sie 1985 die Gleichstellungsstelle in Duisburg aufbaute, betrat sie Neuland. „Es gab kein Handbuch. Wir haben vieles einfach gemacht.“ 

Doris Freer baute ab 1985 die Gleichstellungsstelle in Duisburg auf

Ebenfalls wichtig für sie: der Weltfrauentag. Seit 1911 wird der internationale Aktionstag für Gleichberechtigung, Frauenrechte und gegen Diskriminierung am 8. März gefeiert. Der Internationale Frauentag selbst hat seine Wurzeln in der sozialistischen Frauenbewegung. Sozialdemokratinnen und Sozialistinnen haben ihn geprägt. 1933 wurde diese Bewegung von den Nationalsozialisten zerschlagen, der Frauentag verboten und gewählte Ratsfrauen aus dem Amt gedrängt. Im Duisburger Rathaus regierten nur noch Männer.

Am 8. März geht es nicht um Blumen.

Wenn Doris Freer heute darüber spricht, wird sie nachdenklich. „Die im Laufe der Geschichte erzielten Frauenrechte sind nie selbstverständlich“, sagt sie. „Rechte, die wir haben, wurden erkämpft. Und sie können auch wieder verloren gehen.“ Eines ist ihr klar: „Wir haben schon viel erreicht, aber es gibt auch noch viel zu tun.“

Am 8. März geht es deshalb nicht um Blumen. Es geht um Frauen wie Hedwig Averdunk, Mischi Bertling – und um eine Stadt wie Duisburg, die von ihrem Mut bis heute profitiert.

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