Gil Shachar: „Kunst und Musik sind meine Welt“
„Sie sind doch der Künstler aus Duisburg“ – das hört Gil Shachar oft, wenn er unterwegs ist. Denn Gil ist weit übers Bundesgebiet für seine Abgüsse bekannt. Vor 30 Jahren kam der israelische Maler und Bildhauer als Lehmbruck-Stipendiat in die Ruhrgebietsstadt. Und blieb.
Sein Geheimnis: „Ein Künstler muss seine Arbeit gut machen. Der Rest kommt.“ Er sollte Recht behalten. Es folgten viele Projekte, internationaler Erfolg. Interessierte können Arbeiten von Gil Shachar bei KUNSTWERKHALLE 3 im Handwerkerhof Wanheimerort erleben. Er macht als einer von 16 Künstlerinnen und Künstlern aus der Region mit. Kurator und Wegbegleiter Hans-Jürgen Vorsatz musste gar nicht viel Überzeugungsarbeit leisten, als er ihn anfragte: „Ich war direkt begeistert!“
Gil Shachar bezieht sein Atelier auf der Ruhrorter Straße seit 2017. Eine üppige CD-Sammlung zur Linken – er liebt Musik, vor allem alte –, reichlich Kunst an der Wand, eine kleine Sofa-Ecke und eine Werkbank mit aktuellen Projekten. „Abgüsse sind mein Medium. Ich liebe, was ich mache“, erklärt Gil. Als Kunststudent habe er zunächst mit Malerei angefangen. Dann kam eine Schaffungskrise: „Mir fehlte das nötige Gefühl für bestimmte Entscheidungen, die man als Maler treffen muss – etwa Format und Größe meiner Motive festlegen oder bestimmen, was ich mit dem Leinwandrest anstelle.“ Intuitiv begann er daraufhin, Objekte lebensnah abzugießen: Das war die Lösung. „So entsteht eine Illusion. Ich friere Momente für die Ewigkeit ein. Durch diese besondere Aura spürt man das Leben.“
Auch Menschen werden auf diese Weise zum Kunstobjekt. „Portraits entstehen, indem ich den Kopf meines Modells für eine Stunde lang in Gips hülle.“ Der Reiz daran? „Die Grenze zwischen Kunst und Leben weiche ich dadurch auf. Ich mache neugierig auf die Geschichte dahinter.“ Wachsen. Schichten. Aushärten. Formen brechen. Nähte korrigieren. Farbe auftragen. All das macht er Tag für Tag.
„Ich will zurück nach Duisburg“
Hier in Duisburg arbeitet Gil gern: „Nach meinem Lehmbruck-Stipendium erhielt ich weitere Förderungen in Worpswede, Mönchengladbach und Eckernförde. Aber für mich war klar: Ich will zurück nach Duisburg.“ Warum? „Hier ist es entspannter als in Berlin. Das Leben ist günstiger. Es gibt kaum Ablenkung, was eine gute Konzentration ermöglicht.“ Nur die Kaufkraft des Kunst-Publikums sei nicht so stark. „Aber letztlich ist es egal, wo ein Künstler lebt. Wenn die Kunst gut genug ist, setzt sie sich durch.“ Und die Stadt profitiere davon. Kultur mache sie attraktiv.
Hans-Jürgen Vorsatz kuratiert das Kulturfestival KUNSTWERKHALLE 3. Gil habe sich gefreut, als Hans-Jürgen ihn einlud, Teil der Ausstellung zu werden: „Hans-Jürgen hat mir von seinen Plänen erzählt. Ich schätze sein gutes Gefühl für Material, Form und das Zusammenspiel aller Komponente. Auf ihn kann ich mich immer verlassen. Gemeinsam haben wir die Halle besucht. Direkt war klar: Ich mache mit!“
Doch was zeigen? „Ich experimentiere nicht mit Materialien, sondern habe eine Idee oder ein Bild im Kopf. Daraus fertige ich kleine Skizzen an und suche Lösungen für eine technische Umsetzung“, sagt Gil. Es reifte der Plan, eine Installation zu zeigen: die „Installation ohne Namen“ – bereits in abgewandelter Form in der Orangerie Schloss Rheda präsentiert. Sie setzt sich aus zerbrochenen Spiegeln in amorpher Form zusammen und vier darauf platzierten Köpfen. „Das Spiegel-Motiv ist immer wiederkehrend“, ordnet Gil ein. „Ich spiele mit Fragen: Was siehst du? Was nicht? Was kannst du nicht sehen? Was denkst du, was du nicht siehst? Was zeigt es uns versteckt? Es ist eine Illusion unserer Blindheit. Steht man vor dem Werk, gibt es immer Neues zu entdecken. Denn von jeder Seite sind sowohl der Raum als auch der Betrachter auf unterschiedliche Weise gebrochen. Und manchmal funkelt alles im Sonnenlicht.“
Vertieft in Kunst
Die Einfälle für sein künstlerisches Arbeiten übermannen ihn plötzlich: „Ich hatte einen Traum. Ich sah, wie ich einen Wal am Strand abgieße und wusste sofort: Das ist es!“ Bis dahin hatte Gil keine Erfahrung mit solch großen Objekten – aber genügend Ehrgeiz. Das „The Cast Whale Project“ wuchs über Jahre. 2018 ging es an die Umsetzung. Nach Recherchen, zahlreichen Gesprächen mit Meeresbiologen, einer Crowdfunding-Kampagne, Reisen nach Südafrika, dem Aufbau eines zuverlässigen Teams vor Ort und Anträgen bei unterschiedlichen Ministerien war es soweit: Ein toter Buckelwal strandete am Lambert’s Bay in Südafrika. Gil bildete den grauen Riesen, 14 Meter lang, neun Meter breit, originalgetreu ab, rechtzeitig bevor der Kadaver von der Flut zurück ins Meer gespült wurde. So entstand eine lebensechte Kunstinstallation, die an die Verletzlichkeit der Schöpfung erinnert. Das detailgetreue Abbild des Wals reist nun umher und war unter anderem in Bochum, Berlin und zuletzt im Mittelschiff des Xantener Doms zu sehen.
Gil resümiert: „Der Wal ist ein Publikumsmagnet. Ich wünsche mir für ihn einen dauerhaften Standort.“ Warum seine Werke auch international gefeiert werden, wisse er nicht genau: „Es ist schwer, die Anziehungskraft der eigenen Kunst zu analysieren. Vielleicht liegt es daran, dass sie emotional wie intellektuell bewegt und einen Raum für Kontemplation eröffnet, in dem sich der Betrachter selbst wiederfinden kann.“
Fest steht: Gil steckt andere gern mit seiner Leidenschaft an. Auch für Musik: „Seit mindestens 20 Jahren gebe ich Musikabende hier im Atelier“. Mit rund 25 Gästen wird gekocht, selbst von ihm zusammengestellte Musik gehört: „Ich bin kein DJ, aber ich mag es, zu teilen, was ich liebe. Kunst und Musik sind meine Welt.“




