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Ballett am Rhein: b.06

The Four Temperaments / George Balanchine
Forellenquintett / Martin Schläpfer
Aluminium / Mats Ek

Dauer b.06: ca. 2 Stunden 30 Minuten, zwei Pausen

The Four Temperaments - George Balanchine

Am 1. November 1940 notierte der Komponist Paul Hindemith in sein Werkverzeichnis: "'Theme and Four Variations', geschrieben für Balanchine in New York". Doch es sollten noch sechs Jahre vergehen, bis der große Meister des neoklassischen Tanzes sich Hindemiths Variationen für Klavier und Streichorchester vornahm, um eines seiner Schlüsselwerke zu kreieren. Als er 1946 mit der New Yorker Ballet Society - der Vorgängercompany des New York City Ballet - seine "Four Temperaments" präsentierte, kam eine Choreographie zur Uraufführung, die mit ihrem geradezu experimentellen Aufbrechen des klassischen Vokabulars den Weg zu Arbeiten wie "Agon", "Symphony in Three Movements" oder "Violin Concerto" ebnete und noch heute aufs Schönste zeigt, wie es Balanchine gelang, den klassisch-akademischen Tanz für das 20. Jahrhundert weiterzudenken. Bis in die medizinischen Lehren der Antike reicht die Vorstellung zurück, dass sich der Mensch in vier verschiedene Grundtypen einteilen lasse: den verspielten, geselligen und sorglosen Sanguiniker, den egozentrischen und hitzköpfigen Choleriker, den gedankenschweren, ernsten Melancholiker und den gutmütigen, aber auch etwas schwerfälligen Phlegmatiker - eine erstmals von Hippokrates aufgestellte Lehre, die allerdings weder von Hindemith in seiner Komposition noch von Balanchine in seiner Choreographie illustrativ befolgt wurde. Vielmehr dienen beiden die vier Temperamente als vier verschiedene Grundatmosphären, auf denen sich die musikalischen wie tänzerischen Charaktere in ihrer ganzen menschlichen Bandbreite zu entfalten vermögen. "Ich habe versucht, Hindemiths strenges Notenbild in meiner Choreographie gleichsam körperlich darzustellen; meine Tänze geben das Negativ seines Positivfilms", beschrieb Balanchine seine Arbeit - gehalten in klassischem Schwarz-Weiß ein Meisterwerk voller kühler Virtuosität und choreographischem Witz.


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THE FOUR TEMPERAMENTS
George Balanchine

MUSIK
Thema mit vier Variationen für Klavier und Streichorchester "Die vier Temperamente" von Paul Hindemith

Choreographie George Balanchine
Musikalische Leitung Christoph Altstaedt
Kostüme nach Kurt Seligmann
Licht nach Jean Rosenthal
Einstudierung Patricia Neary

 

Forellenquintett - Martin Schläpfer

Die Musik ist es, die für den Choreographen Martin Schläpfer meist am Anfang einer neuen Arbeit steht, eine Komposition, die ihn in einen bestimmten Zustand zwingt, ihm eine Form gibt, eine Atmosphäre schafft und ihn immer wieder dazu einlädt, sich hinein in ihre Tiefenstrukturen zu graben, um zwischen den Tönen, Klängen, Rhythmen und Farben neue Energien für seine ganz eigene, zutiefst musikalische Tanzkunst zu schöpfen. In dieser Spielzeit sind es drei große Köpfe der Romantik, die sich Martin Schläpfer vorgenommen hat: Franz Schubert, Robert Schumann und Johannes Brahms. Und es sind zugleich drei unterschiedliche Formen der Instrumentalmusik: die intime Kammerformation, die große Sinfonie und die das Vokale integrierende Messe.
Für Franz Schubert war das Singen wesentliches Thema seines Lebens und Schaffens. In über 600 Liedern verströmte er sich geradezu und sang immer wieder aufs Neue gegen seine Einsamkeit und Verlorenheit an: in größtem Schmerz, in tiefstem Groll, in wunder Wehmut - und in einem völligen Der-Welt-Abhanden-Gekommensein, in das die kalte Realität mit umso verstörenderer Wucht einbricht. Immer wieder ragt seine Liedkunst aber auch hinein in die großen Dimensionen seines Instrumentalschaffens, wie beispielsweise in sein "Forellenquintett". Die 1819 im Auftrag des Steyrer Amateurcellisten Sylvester Paumgartner entstandene Komposition mit ihrem Variationssatz über das Lied "Die Forelle" zählt zu Schuberts freudigsten und melodienseligsten Kammermusiken, eine Partitur, die allerdings gerade in ihrer Heiterkeit ihre größte Herausforderung findet, denn - so der Theaterkritiker Karl Heinz Ruppel: "Nichts ist schwerer als die Unbeschwertheit dieses unvergleichlichen Stücks, das Apollo selbst, vom Parnass zum Wienerwald herabgestiegen, komponiert haben könnte. Seine graziöse Leichtigkeit darf nicht Lässigkeit, seine fabelhaft souveräne Schlendrigkeit nicht Schlendrian, seine Naturbeschwingtheit nicht 'Ausflugs-Fidelität' werden. Nie sind es Biedermeierherren, sondern immer Genien, die da mit rhythmisch differenzierten und diffizilen Schritten durchs Grüne streifen, arkadische Wanderburschen, die ihrer Distinktion nur eine populäre Maske vorgebunden haben - und selbst diese Maske ist höchst kunstreich gefertigt." - Eine Herausforderung, die sich dem Choreographen Martin Schläpfer mit seinem ganz besonders feinsinnigen Humor und seinem Gespür für schwindelerregende Gratwanderungen zwischen Himmel und Abgrund, kindlicher Naivität und totaler Verkunstung, seligem Schwelgen und tiefem Grübeln geradezu aufdrängen dürfte.


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FORELLENQUINTETT
URAUFFÜHRUNG
Martin Schläpfer

MUSIK
Quintett für Klavier, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass A-Dur D 667 ("Forellenquintett") von Franz Schubert

Choreographie Martin Schläpfer
Bühne und Kostüme Keso Dekker
Licht Franz-Xaver Schaffer

Aluminium
Mats Ek
Wenige Persönlichkeiten haben die Tanzkunst in den letzten 30 Jahren weltweit so stark beeinflusst wie Mats Ek. Der Sohn der Grande Dame des schwedischen Balletts, Birgit Cullberg, und des Schauspielers Anders Ek wandte sich zunächst der Theaterbühne zu, bevor er sich Mitte der 1970er Jahre immer mehr auf den Tanz konzentrierte, um eine ganz eigene Form zu kreieren. Nicht nur die Handlungsballette, sondern auch die abstrakter gefassten Stücke sind bei Mats Ek immer kleine Erzählungen, die uns das Leben so vor Augen führen, wie es ist: grausam zum einen, spielerisch zum anderen - choreographische Bilder, die uns mit ihrer nordischen Kargheit und archaischen Kraft, angesiedelt zwischen Traum und Realität, lange über den Theaterabend hinaus noch beschäftigen.
Auch die 2005 für die Compañia Nacional de Danza in Madrid entstandene Choreographie "Aluminium" führt uns direkt hinein in die Tiefen zwischenmenschlicher Beziehungen - ein Ballett, das sich zunächst als ein hochkonzentriertes, psychologisches Kammerspiel zwischen einer Frau und ihrem Mann entspinnt, um sich immer mehr in größere Dimensionen hinein zu öffnen: das Individuum gegen die Masse.
Eine Frau hält es in ihrer Partnerschaft nicht mehr aus. Zu den langsamen, minimalistischen Streicherklängen von John Adams' "Shaker Loops" wirkt sie in ihren Bewegungen wie gefangen in einer Welt, die nicht mehr die ihre ist. Die Liebe zu ihrem Mann ist zerbrochen, wie der Stapel von Tellern, den sie in einem plötzlichen Anflug von Wut mit einer aggressiven Geste von ihrem Küchentisch schleudert. Ihr Mann kommt hinzu - und natürlich entbrennt ein Streit. Weitere Tänzer strömen in wirbelnden Tutti herein, doch auch diese Formationen sind zerbrechlich wie die zwischenmenschlichen Gefühle. "Technisch brillant, stürzen sich die Tänzer mit geradezu tollkühner Bravour in die waghalsigsten Motionen", beschreibt Horst Koegler die Bewegungssprache Mats Eks, "fliegen sie durch die Lüfte, werden im minutiösesten Timing aufgefangen, knallen sie gegen Wände und auf den Boden, gehen sie aggressiv gegeneinander vor und finden dann doch wieder in wunderbar ausgewogenen ruhigen Phrasen zu harmonischem Gleichklang".
"Der Begriff 'Widerstand' war ein Schlüsselmoment für mein Werk", erläutert Mats Ek seine Choreographie, "nicht unbedingt in einem politischen Sinne, sondern als ein Weg, sich dem Leben anzunähern, das bereits Bekannte so zu betrachten, als wäre es das erste Mal, nicht alles für selbstverständlich zu nehmen - ein Befragen, das uns zu notwendigen Veränderungen führen kann".


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ALUMINIUM
Mats Ek

MUSIK
"Shaker Loops" von John Adams

Choreographie Mats Ek
Musikalische Leitung Christoph Altstaedt
Bühne und Kostüme Peder Freiij
Licht Erik Berglund
Einstudierung Lena Wennergren-Juras, Patricia Vázquez Iruretagoyena

 

Ort: Theater Duisburg, Großes Haus

06.10.2010 - 19:00 Uhr
14.10.2010 - 19:30 Uhr
16.10.2010 - 19:30 Uhr
23.10.2010 - 19:30 Uhr
28.10.2010 - 19:30 Uhr
30.10.2010 - 19:30 Uhr
13.11.2010 - 19:30 Uhr

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