Wilhelm Lehmbruck
Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) darf aus heutiger Sicht neben Ernst Barlach (1870-1938) als der wichtigste deutsche Bildhauer der Klassischen Moderne bezeichnet werden. In nur zwei Jahrzehnten schuf er ein außergewöhnlich intensives und produktives Lebenswerk. Teile der Sammlung sind dauerhaft im Lehmbruck-Trakt präsentiert und werden ergänzt durch verschiedenste Wechselausstellungen.

Wilhelm Lehmbruck, Mutter und Kind, 1907, Gipsguss, (c) LehmbruckMuseum
Das plastische Frühwerk Lehmbrucks von 1898 bis 1906 spiegelt im wesentlichen seine stilpluralistischen, gründerzeitlichen, durch seinen Lehrer Carl Janssen vermittelten, sozial und neoklassizistisch orientierten Anfänge der Ausbildungsjahre in Düsseldorf. Vor allem über Rodin und dessen Gegenpol Maillol findet Lehmbruck bis 1910, bis zum Beginn seiner Pariser Jahre, zu seinem eigenen plastischen Stil und Ausdruck: in introvertierten, vergeistigten Figuren, die strenger als bei Maillol architektonisch gebaut sind, die von Maß und Proportion bestimmt sind und in schönliniger Silhouette zusammengehalten werden.

Wilhelm Lehmbruck: "Sitzender Jüngling", 1916/17, Bronze, (c) LehmbruckMuseum
Durch Streckung und Verräumlichung der Figur steigert Lehmbruck in Paris, von 1910 bis 1914, den Ausdruck seiner Idealgestalten von Mann und Frau. Mit seiner "übersinnlichen Tektonik" hat er den Durchbruch zur Moderne in Bronze-, Steinguss- und Terrakottafiguren erreicht. Die erzwungene Rückkehr nach Berlin 1914 und die Erfahrung des Weltkrieges wenden das Tektonische ins Expressive, Fragmentarische und Reduzierte. Es entstehen in den Berliner und Züricher Jahren bis 1918/19 die existenziellen Antikriegsplastiken des "Gestürzten" und des "Sitzenden Jünglings", innige und erschütternde Menschenbilder voller Melancholie und Einsamkeit, die eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und Menschlichkeit, Transzendenz, innerem Frieden und gereinigter, lichter Welt zum Ausdruck bringen.

Wilhelm Lehmbruck: "Bathseba", 1913, Öl/Tempera auf Leinwand, (c) LehmbruckMuseum
Parallel zu seinem plastischen Werk entwickelt Lehmbruck in seinen Pariser Jahren ein malerisches Schaffen, das über Bildnisse und Akte, paradiesische Gruppenbilder und konfliktgeladene Beziehungsthemen von Mann und Frau in den bewegten, zeichnerischen Expressionismus der letzen Jahre einmündet. Ebenfalls in den Pariser Jahren entwickelt Lehmbruck schließlich sein druckgrafisches Werk, vor allem in Radierungen, die eine eigene Ikonografie beinhalten, aber auch Themen seiner Plastik aufgreifen. Zupackend und unkonventionell geht der Künstler mit dem Grabstichel wie mit den Papieren beim Drucken um und verändert wiederholt die Zustände dieser Blätter.
Bindeglied zwischen allen Kunstgattungen und doch immer wieder auch autonom ist die Zeichnung, die in reichlicher Fülle den entschiedenen Formwillen mit der Zartheit des Ausdrucks verbindet und wiederholt Vergleiche mit dem frühen Werk von Joseph Beuys ermöglicht. Zusammenfassend darf man für das Schaffen ab 1910 behaupten, dass Lehmbruck durch seine "übersinnliche Tektonik" und "abstrahierte Expressivität" einen frühen und wesentlichen Beitrag zum modernen Menschenbild in der Kunst des 20. Jahrhunderts geleistet hat.