Carl Emanuel Wolff (8. Juli bis 2. Oktober 2011)
Wildschweine aus feuchtem Ton - Teller in den Regalen - geschnitzte Karotten - Spazierstöcke in Vasen - Fische in Pullovern - Tische, die Hockeyschläger als Beine haben - eine Tränke, ein geschnitztes Holzgewehr im Zeichenschrank, Zigarren und viel leckeres Essen. Was haben all diese Dinge miteinander zu tun? Welche Welt tut sich da gerade auf? Wovon erzählt uns der Künstler Carl Emanuel Wolff?
Zumindest annähern können sich die Besucher_innen seinen Rätseln. Dass von Tellern gegessen wird und man dabei an Tischen sitzt, wissen sie zum Beispiel. Dass zu einem guten Wilschweinragout Karotten passen, vielleicht auch. Oder dass Fisch eine hervorragende Vorspeise ist und sich Zigarren zum Digestiv anbieten. Geht es bei dieser Kunst also um Essen? Geht es um Geselligkeit, um Gespräche?
Wolff erzählt uns mit seinen Objekten immer wieder neue Geschichten. Etwa in seiner Ausstellung 1994 im Kunstverein Düsseldorf, in der neben einem großen Billardtisch mitten im Raum eine Rotte Wilschweine stehen und liegen und neugierig den Spielern zuguckt. Einige Austellungen später dann plötzlich ein Schneewitchen im Sarg, wieder diese Zigarren, und - Zwerge. Doch diese sieben Wesen sind gar nicht klein, sie haben nicht die richtige Größe. Aber wer weiß schon, wie klein ein Zwerg sein muss? Ab wann ist man überhaupt ein Zwerg?
Immer wieder fällt bei Carl Emanuel Wolff die unglaubliche Sicherheit auf, mit der er die unterschiedlichsten Räume in erzählerischer Bildsprache mit seinen Wesen, Figuren und Sammelstücken bespielt, mit immer ähnlichen Szenarien, die sich aber nie wiederholen. Bekannt kommen einem diese Figuren vor, jeder kennt sie, jeder weiß etwas über sie zu sagen. Denn: Jeder hat Erinnerungen an Märchen, erinnert sich, wann er sie das erste Mal gehört hat. Und oft sind es gute Erinnerungen.
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Gegenüber diesen Erinnerungen jedoch wirken die Installationen Carl Emanuel Wolffs weder nostalgisch noch verklärt. Böse sind sie, seine Knallermänner aus Böllerhülsen mit ihren Tausenden von Lunten, bei denen sich jeder vorzustellen vermag, was passiert, wenn man ein Streichholz zückt. Und schon beim Gedanken an das Streichholz ist man wieder bei den Zigarren, die Wolff so liebt. In einer Ausstellung bei Taubert in Düsseldorf liegen sie 1995 fein sortiert nebeneinander auf dem Tisch, nur die besten, kubanischen, angeboten von einem gut gekleideten jungen Mann.
In solchen Momenten könnte man meinen, Wolff erzählt uns mit seinen Arbeiten seine eigene, sehr private Geschichte, ja, man könnte sogar meinen, etwas über seine Vorlieben zu wissen. Gerne gibt er schließlich Auskunft über die Zigarren oder seine neuesten Leidenschaften, das Sammeln von Gegenständen etwa, die ihm eine Geschichte erzählen. Und mit diesen schickt er uns dann auf eine Reise, an Orte und in Szenen, die wir vermeintlich kennen, nur um uns einige Momente später das Genick zu brechen. Etwa, mit einem Rudel Hirsche, mit Pfeilen und Messern durchbohrt, das überhaupt nicht so aussieht, als wollte es gleich umfallen und wir könnten uns dann ein wunderbares Essen zubereiten. Nein, diese Hirsche tragen silberne Ketten und haben lackierte Fussnägel, und sie sind stolz auf all ihren Schmuck.
In der Straßengalerie des Lehmbruckmuseums kann man vom 8. Juli bis zum 2. Oktober 2011 einige dieser Wesen und Objekte wiederentdecken, in einer Ausstellung, zu dessen Eröffnung auch das Schneewittchen wiederkommen will. Und doch: Die Zwerge haben sich verändert, die Wildschweine sind in Bronze gegossen und schauen neugierig umher, eine LKW-Achse teilt den Raum und wie zur Beruhigung liegt ein Haufen Fische da. Wir freuen uns über ihre wunderbare Form, erinnern uns daran, wie fest und prall so ein Wassertier sich an der Luft anfühlt, wo es doch gar nicht hingehört. Überhaupt wirken alle Skulpturen und Plastiken bei Wolff immer so, als wären sie zur falschen Zeit am falschen Ort und müssen gleich weg. Vorher aber erzählen sie uns noch eine schöne Geschichte, natürlich bei einem guten Essen und einer feinen Zigarre.



