#TURM 02: Hiltrud Lewe (9. September bis 9. Oktober 2011)

"Erinnerungen sind wie Wäschestücke", sagt die Krefelder Künstlerin Hiltrud Lewe. Sie müssen des Öfteren gedreht, gewendet, umplatziert, geschüttelt, gereinigt und neu geordnet werden.
Hiltrud Lewe: Verletzungen (Ausschnitt), 2011Großbildansicht
Hiltrud Lewe: Verletzungen (Ausschnitt), 2011

Der wie eine Trutzburg wirkende, fragmentarisch stehen gelassenene Turm im "Garten der Erinnerungen" von Dani Karavan ist für Hiltrud Lewe Objekt und Inspirationsquelle ihrer auf drei Etagen ausgestellten, speziell für diesen Ort konzipierten Arbeiten. Von außen verletzlich, die Bewehrungseisen grob abgeschnitten und verdreht, raumgreifend wie abgestorbene Äste, einem stummen Hilfeschrei gleich, ist dieser Bau Anlass für eine Reihe von Schwarzweiss-Zeichnungen (Graphitblock auf Karton), ebenso rudimentär wie die Architektur. Sie werden bewußt nicht gerahmt, einzelne Graphitstriche sprengen den Rand - der Prozess geht weiter. Auf dem Boden hat der "Zahn der Zeit" seine Schlieren und Risse hinterlassen, die Natur arbeitet weiter, reagiert mit Kalkablagerungen und Schimmel. Der grüngraue Naturstein ist zum Gedächtnisträger der vielfachen und vielfältigen Spuren geworden. Durch die Manifestationen auf Papier treten die Erinnerungen in eine erweiterte Dimension. Die Zeichnungen werden im unteren Raum präsentiert.
 
Der Turm ist seines ursprünglichen Zwecks enthoben, sinnentleert, die Treppen führen nicht zum "Ziel", man möchte dort nicht verweilen; die Räume ohne Tageslicht sind wie Schachteln, deren Deckel man soeben entfernt und deren Schatz erst beim näheren Hinsehen entdeckt.
 
Die von außen sichtbaren Verletzungen werden im mittleren Raum - nicht sichtbar, jedoch erahnbar - in einer Installation aufgegriffen. Abformungen der Bewehrungseisen aus weißem Krepppapier, mit der Öffnung nach unten, hängen in unterschiedlichen Höhen von der Decke, ohne augenscheinliche Ordnung. Das Weiß ist hier Synonym für Zerbrechlichkeit, für Vielschichtigkeit und für die Überlagerung des Materials - Versinnbildlichung eines oft langen Prozesses, welcher Erinnerung ausmacht. Den "Abschluss" und gleichzeitig "Neuanfang" bildet ein großformatiges, die Kopfwand füllendes Gemälde (Graphit, Pigmente auf Leinwand) mit dem Titel "Alles bildet sich wieder neu". Dieses Gemälde erschließt sich dem Betrachter, wenn man sich um 180 Grad dreht und den Blick in der obersten Etage nach Außen richtet mit dem Wissen, dass im ehemaligen Innenhafen auch Korn verladen wurde. Das kalkulierte "Weglassen" von Farbigkeit soll Raum geben für das komplexe Bilden von Erinnerungen.