Baustelle Zukunft


History


Dokumentation der Baustelle Zukunft

Einzelne Referenten sind gebeten worden ihren Beitrag für eine Dokumentation zur Verfügung zu stellen.
Nach und nach wird diese Seite mit weiteren Beiträgen ergänzt.

"Mehrsprachigkeit - ein Reichtum für alle", Prof. Dr. Claudia Maria Riehl, Universität zu Köln

Mehrsprachigkeit stellt eine wichtige natürliche Ressource in unserer Gesellschaft dar, die sowohl für den Einzelnen als auch für die gesamte Gesellschaft von Bedeutung ist. Im Gegensatz zu Mitteleuropa ist in vielen Regionen der Welt Mehrsprachigkeit der Normalfall, z.B. in Afrika, auf dem indischen Subkontinent, in Osteuropa und weiten Teilen Asiens. Weltweit gesehen ist daher Einsprachigkeit die Ausnahme.

Gehirnforschung und Mehrsprachigkeit
Verschiedene Testverfahren zu kognitiven Fähigkeiten bei Kindern zeigen, dass mehrsprachige Kinder gegenüber einsprachig aufgewachsenen Kindern kognitive Vorteile besitzen. Zum einen besitzen sie ein sog. "metasprachliches Bewusstsein", d.h. nicht nur ein Bewusstsein darüber, was sie sagen, sondern auch wie sie es sagen. Sie können besser Wortgrenzen feststellen und grammatische Regeln verstehen, weil sie darauf mehr Aufmerksamkeit verwenden. Diese Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zu bündeln und nicht benötigte Informationen zu blockieren, ist auch bei anderen kognitiven Aufgaben von Vorteil.
  Auch Ergebnisse aus der Hirnforschung belegen, dass frühe Mehrsprachigkeit große Vorteile bringt: Die Studien zeigen, dass bei Mehrsprachigen, die die zweite Sprache noch vor dem sechsten Lebensjahr erworben haben, die Sprachen im Sprachareal des Gehirns sehr kompakt repräsentiert sind und sich fast ganz überlappen. Die Sprecher brauchen dann weniger Gehirnsubstanz zu aktivieren, wenn sie ihre zweite Sprache sprechen, als Sprecher, die erst spät eine zweite Sprache erworben haben (etwa ab dem Alter von 10 Jahren).
  Überdies haben mehrsprachig aufwachsende Kinder auch Vorteile, wenn sie weitere Sprachen lernen. Sie besitzen ein metasprachliches Bewusstsein, gehen selbstsicherer an einen Text heran und schauen gezielt nach vertrauten Strukturen und Wörtern. Zum anderen haben sie - wie die Hirnforschung herausgefunden hat - auch die Möglichkeit im Sprachzentrum des Gehirns eine weitere Sprache "anzudocken", so dass auch hier weniger Ressourcen beansprucht werden müssen.
  Daraus ist zu folgern, dass die Förderung von Mehrsprachigkeit so früh wie möglich einsetzen sollte, um eine möglichst ausgewogene Mehrsprachigkeit zu erzielen. Dazu ist aber eine Förderung in beiden Sprachen nötig.

Die Bedeutung ausgewogener Mehrsprachigkeit
Viele Menschen, die im Bereich des mündlichen Austausches mehrsprachig sind, sind auf der Ebene der schriftsprachlichen Kommunikation eher einsprachig. Dies hat zwei Ursachen: Sehr häufig ist die Sprache, die die Eltern an ihre Kinder weitergeben, keine Standardsprache sondern ein Dialekt oder zumindest eine stark regional geprägte Umgangssprache der jeweiligen Sprache, die wir als Türkisch, Italienisch oder Spanisch bezeichnen würden. Diese Sprachform unterscheidet sich aber von Standardtürkisch, Standarditalienisch oder Standardspanisch teilweise ganz erheblich. Auf der anderen Seite ist der Erwerb einer Sprache als Schriftsprache nicht auf das Erlernen des Alphabets und der Orthografie beschränkt, sondern man muss dabei auch ganz spezielle schriftsprachlich geprägte grammatische Strukturen oder Formulierungen lernen, die man im mündlichen Gespräch gar nicht verwendet. Dies kann man etwa bei der Gegenüberstellung von mündlichem und schriftlichem Erzählen sehr schön beobachten: Während wir beim mündlichen Erzählen einen einfachen, alltäglichen Wortschatz verwenden, wie z.B. Kopf, Tür, gut oder sagen, verlangt die geschriebene Erzählung einen ausgefeilten, teilweise literarischen Wortschatz wie etwa Haupt, Portal, exzellent und sich äußern. Auch beim Satzbau gibt es Unterschiede. So stellt man in der gesprochenen Sprache Sachverhalte in Hauptsätzen nebeneinander (Bsp.: Peter ging im Park spazieren. Er fand eine Leiche). Im Geschriebenen dagegen werden häufig mehrere Sachverhalte in einen einzigen Satz integriert (Bei einem Spaziergang im Park fand Peter eine Leiche). Wenn man diese Strukturen nicht mit den Texten lernt, dann kann man sich in dieser Sprache nicht schriftlich ausdrücken.
  Und es kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu, der für das Erlernen der Schriftlichkeit in der Muttersprache spricht: Wissenschaftliche Studien haben herausgefunden, dass es eine Wechselwirkung zwischen schriftsprachlicher Kompetenz in beiden Sprachen gibt, d.h. wenn man eine Sprache im Schriftlichen gut beherrscht, hat dies auch eine positive Auswirkung auf die andere Sprache. So haben wir etwa in einer in Köln durchgeführten Pilotstudie zeigen können, dass Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangsstufe, die gute Texte in ihrer Muttersprache verfassten, auch sehr gute deutsche Texte schreiben konnten. Umgekehrt haben Schüler, die sich in ihrer Muttersprache nicht ausdrücken konnten, häufig auch im Deutschen schlecht abgeschnitten.

Weitere Gründe für die Förderung von Mehrsprachigkeit Mehrsprachigkeit hat eine wichtige Bedeutung für den Sprecher selbst, aber auch für die Gesellschaft. Dabei sind vor allem vier Aspekte hervorzuheben:
Der kognitive Aspekt: Mehrsprachigkeit fördert ein differenziertes Bewusstsein von Sprache, z.B. das metasprachliche Bewusstsein und andere Fertigkeiten, die auch das Erlernen weiterer Sprachen erleichtern. Sie schult außerdem differenziertes Denken.
Der psychologische Aspekt: Für viele Menschen ist die Herkunftssprache ("Muttersprache") ein Symbol ihrer Identität. Die Anerkennung der Muttersprache hebt das Selbstbewusstsein der Sprecher, das ist v.a. wichtig für Sprachen, die in unserer Gesellschaft bislang noch wenig Prestige besitzen.
Der pragmatische Aspekt: Mehrsprachige haben eine differenziertere Sicht auf die Welt. Sie lernen durch die Brille der anderen Sprache andere Sichtweisen kennen und sind daher flexibler im Handeln. Ein Beispiel: Manche Sprachen drücken ein und denselben Sachverhalt ganz verschieden aus: z.B wenn ich vom Regen durchnässt bin, sage ich auf Italienisch sono tutta bagnata 'ich bin ganz gebadet'. Oder es gibt viele Redensarten, die kulturelle Vorstellungen wiedergeben: Im Deutschen ist die Galle vor allem ein Sitz von Wut. Man sagt mir läuft die Galle über, mir kommt die Galle hoch. Im Türkischen dagegen ist mit dem Begriff Galle vor allem Hunger verbunden.
Der kulturelle Aspekt: Mehrsprachige, besonders Angehörige von Sprachminderheiten, haben eine Brückenfunktion als Vermittler zwischen verschiedenen Kulturen. Sie sind in verschiedenen Sprachen und Kulturen zuhause und können diese an uns vermitteln.

Konsequenzen für die Bildungspolitik
Aus den erwähnten Aspekten über Vorteile und Bedeutung der Mehrsprachigkeit geht hervor, dass eine möglichst intensive Förderung von Mehrsprachigkeit in Mündlichen wie Schriftlichen ein vorangiges Anliegen sein sollte. Um die Ressourcen, die in der Mehrsprachigkeit liegen, optimal zu nutzen, muss die Förderung möglichst früh einsetzen. Die Kinder brauchen eine gezielte Förderung in ihrer Muttersprache, zunächst im Mündlichen und dann im Schriftlichen, und parallel dazu eine fundierte Förderung der Zweitsprache. Dazu müssen einerseits die Eltern beitragen, indem sie mit den Kindern die Muttersprache üben (z.B. durch Vorlesen, Spiele usw.) und zum anderen die Institutionen, indem der Muttersprachen- und der Deutschunterricht gut miteinander koordiniert werden. Die optimalste Lösung wären hier gut aufeinander abgestimmte bilinguale Programme - für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund.
 
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"Hausbau in der (Zweit-)Sprache Deutsch oder Ganzheitliche Sprachförderung am Übergang Schule Beruf", Jürgen Eugen Müller

Der Vortrag, gehalten von J.E. Müller vom "Kompetenzzentrum Sprachförderung Köln" auf der Fachtagung  "Baustelle Zukunft" am 28.04.2007 ist nur als PDF-Dokument zum Download erhältlich.
 
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Die Brede School in Rotterdam

Beispiel einer sozialraumorientierten (Sprach-) Förderung, Fachvortrag von von Rien van Genderen, Stichting de Meeuw als PDF-Dokument herunterladbar.
 
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Familienbildung im Rahmen kommunaler Integrationskonzepte

Familienbildung im Rahmen kommunaler Integrationskonzepte
... mehr Chancen durch Vernetzung im Sozialraum.
Prozess der Vernetzung am Beispiel der Katholischen Familienbildungsstätte Essen

Powerpointpräsentation von Annedore Fleischhauer